Dem einen sin Uhl, dem anderen sin Nachtigall
Der große Herbstball steht bevor. Klara und Yvette möchten sich so richtig in Schale werfen. Doch während Klara sich für ein leuchtendes rotes Kleid entscheidet, favorisiert Yvette ein dunkles und zudem relativ unvorteilhaft geschnittenes Kleid. Als sie einer Freundin ihre Auswahl vorstellt, sagt diese: „Was dem einen sin Uhl, ist dem anderen sin Nachtigall!“
Mit diesem Sprichwort möchte man zumeist ausdrücken, dass die Geschmäcker verschieden sind. Und über Geschmack lässt sich bekanntlich (nicht) streiten. Was jemanden ärgert und ihm nicht gefällt, kann eine andere Person durchaus mögen und für erstrebenswert halten. Einem sagt es zu und ist es zum Vorteil, den Anderen stößt es ab und bringt ihm Schaden. Alle Leute haben eben so ihre eigenen Ansichten und Vorlieben. Auch vergleichbare Wendungen tragen dem Rechnung. So kann man auch sagen: „jeder, wie es ihm beliebt“ oder „jedem das Seine“ - ein sehr altes ethisches Prinzip und geflügeltes Wort.
Die Redensart hat hörbar ihren Ursprung in der niederdeutschen Sprache. Zur besseren Verständlichkeit enthält sie heute in der Regel auch hochdeutsche Wörter, da sie schon längst nicht mehr nur im flachen Land verbreitet ist. Komplett auf Niederdeutsch liest sie sich wie folgt: „Wat den eenen sin Uhl, is den annern sin Nachtigall.“ So hat sie auch der bekannte niederdeutsche Schriftsteller Fritz Reuter (1810-1874) mehrfach benutzt, zum Beispiel in seinem Werk „Ut mine Stromtid“ („Aus meiner Volontärszeit“) von 1862. Uhl, auch Uul oder Ul, ist das plattdeutsche Wort für die Eule.
Eule und Nachtigall sind zwar beide ausgewiesene Nachtvögel, stehen jedoch für nur schwer überbrückbare Gegensätze. Die Eule galt traditionell als Unglücksbringer sowie als Hexen- und Teufelsvogel. Ihr in der Regel aus dumpfen Lauten bestehender Ruf war ein schlechtes Vorzeichen und kündigte Abergläubischen einen Todesfall an. Dagegen ist die Nachtigall ein Singvogel mit einer hellen und klaren Stimme. Die Menschen sahen sie in alter Zeit als Frühlingsbotin und assoziierten mit ihr positive Dinge wie Glück und Liebe.
Der Vergleich des verschiedenen Gesangs beider Vögel und der ihnen zugeschriebenen Eigenheiten dient zum redensartlichen Bild der großen Unterschiede menschlicher Wünsche. So bemerkte Kurt Tucholsky 1927 in „Ein Pyrenäenbuch“: „Wat dem eenen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall, und welch schöne Sache ist doch der Krieg!“ Und auch „Die Zeit“ titelte mal mit „Uhl und Nachtigall“, um eine zweischneidige Sache zu beschreiben. Zweischneidig war auch die Kleiderwahl von Yvette. Böse Zungen behaupteten, sie habe in ihrem Fummel beim Ball wie eine Eule ausgesehen.
Schrammses I.
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