Jemanden an die Kandare nehmen
Kaum ein Tag vergeht derzeit ohne neue Negativnachrichten zum Themenkomplex Euro-Griechenland-Rettungsfonds. Längst wurden Rufe laut, das europäische Wirtschafts- und Finanzsystem vollkommen neu zu ordnen. „Dazu gehört eine gerechte Lastenverteilung und ein Mechanismus, der die Mitgliedsländer stärker als bisher an die Kandare nimmt“, war vor Monaten in den DNN zu lesen. Wie bitte? Woran soll man die Mitgliedsländer nehmen?
„Einen an die Kandare nehmen“ bedeutet, dass man jemanden streng behandelt. Man führt ihn straff und behält ihn auf diese Weise unter Kontrolle. Die Redensart bezieht sich auf die Kandare als Teil des Zaumzeugs von Pferden. Dabei handelt es sich um ein Gebissstück mit Hebelwirkung, das im Reitsport zur Anwendung kommt. Mithilfe dieser mit den Zügeln verbundenen Querstange kann der Reiter das Pferd führen und lenken. Das Gegenteil der Kandare ist die hebellose, den Tieren sicher viel angenehmere Trense.
Mit der Kandare und ihrer Hebelwirkung lässt sich eine enorme Kraft aufbauen, die bei unsachgemäßem Gebrauch beim Pferd zu Verletzungen des Mauls führen kann. Sie ist zweifelsohne die strengere Form, das Pferd zurechtzuweisen und zu disziplinieren. „An die Kandare nehmen“ bedeutete zunächst nur „scharf zügeln“, erfuhr aber im 19. Jahrhundert eine inhaltliche Erweiterung. So taucht die Redensart 1893 in Gerhard Hauptmanns Komödie „Biberpelz“ auf: „Dem (Gastwirt Fiebig) woll’n wir mal bißchen Kandare anlegen!“
Das Wort Kandare geht auf „kandara“ zurück, womit die Araber eine Sitzstange für Falken bezeichneten. Der Begriff fand zunächst als „kantàr“ („Zaum, Halfter“) Eingang ins Ungarische, von wo aus er in der frühen Neuzeit ins Deutsche übernommen wurde. Mit Ausnahme seiner Verwendung in der Redensart kommt er nur in der Fachsprache vor. Da viele Leute seine Herkunft nicht kennen, wird das Wort übrigens häufig falsch geschrieben („Kandarre“). Ein Grund dafür dürfte in der regionalen Aussprache liegen.
Das Gegenteil der Wendung stammt auch aus dem Pferdesport und lautet: „die Zügel schleifen lassen“. Das war offenbar gängige EU-Praxis im Maastricht-Vertrag. Tja, nun müssen die Finanzer an die Kandare.
Schrammses I.
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