Sich mit fremden Federn schmücken
Nach der Schule hatte Tom wieder alles Mögliche im Kopf: mit Freunden Fußball spielen, fernsehen, im Internet surfen - Hausaufgaben spielten in seinen Gedankengängen jedenfalls keine Rolle. Am nächsten Morgen pinselte er die Ergebnisse der Mathe-Schularbeiten schnell von seinem Banknachbarn ab. Dann fuhr ihm ein großer Schreck in die Glieder: Die Lehrerin sammelte die Hausaufgaben ein und nahm sie während der Mathestunde genau unter die Lupe. Danach sagte sie zu Tom: „Wer sich mit fremden Federn schmückt, hat eine 6 verdient.“
„Sich mit fremden Federn schmücken“ bedeutet, dass man die Verdienste, Erfolge oder Ideen anderer Personen sich selbst aneignet, als eigene Leistung ausgibt oder sogar damit herumprahlt. Schon im Lateinischen hieß es: „alienis se coloribus adornare“ („sich mit fremden Farben schmücken“), ähnliche Varianten haben sich von dort aus auch über viele andere Sprachen Europas verbreitet.
Der Ursprung der Redensart liegt aller Wahrscheinlichkeit nach in der Fabel „Die stolze Krähe und der Pfau“. Sie stammt vom berühmten griechischen Dichter Äsop, der vor rund 2600 Jahren lebte. Darin geht es um eine Krähe, die sich mit auf dem Boden liegenden Pfauenfedern schmückte. In ihrem prachtvollen Gewand verachtete sie fortan die anderen Krähen und mischte sich unter die Pfauen. Diese jedoch erkannten das falsche Spiel, entrissen der Krähe die Schmuckfedern und hackten mit den Schnäbeln auf sie ein. Nach der Rückkehr zu ihren Artgenossen wurde sie auch von diesen übel beschimpft.
Überliefert wurde dieser Stoff vom römischen Dichter Phaedrus, der ungefähr von 20 v. Chr. bis 50 n. Chr. lebte und daraus folgende Schlussfolgerung zog: „Damit es nicht beliebt, sich fremder Güter zu rühmen und das Leben lieber mit seinem Aussehen zu verbringen, überlieferte uns Äsop dieses Beispiel.“ In der frühen Neuzeit griffen viele Fabeldichter das Thema wieder auf. In Frankreich war es Jean de la Fontaine (1621-95), weshalb dort die Redensart „se parer des plumes du paon“ kursiert („sich mit Pfauenfedern schmücken“). Im Deutschen mag es die Fassung von Gotthold Ephraim Lessing (1729-81) gewesen sein, die zur weiteren Verbreitung der Wendung führte.
Gerade im Jahr 2011 erfreute sie sich nicht zuletzt in der Presse großer Beliebtheit. Dafür hatte unser früherer Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) gesorgt, der mit seiner abgepinselten Dissertation ein abschnittsweise mustergültiges Plagiat eingereicht hatte. Weniger mustergültig, weil noch schlechter getarnt, war das in zwei Minuten zusammengeschmierte Hausaufgabenplagiat von Tom. Aber er hat daraus hoffentlich seine Lehren gezogen.
Schrammses I.
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