Einen Führerschein hat die Mittvierzigerin Petra noch nie besessen. Um das zu ändern, hat sie in den zurückliegenden Wochen fleißig die Fahrschule besucht. Doch so richtig erfolgreich war sie dort bislang nicht. Im Theorietest hatte sie zwar null Fehler, aber durch die praktische
Prüfung ist sie bereits zweimal durchgerasselt. Vor dem bevorstehenden nächsten Anlauf hat sie deshalb ganz schön Bammel. „Das schaffst du schon“, wird sie von ihrer Freundin ermuntert, „denn aller guten Dinge sind drei!“
Diese Redensart kommt häufig nach zwei ärgerlichen Fehlschlägen zur Anwendung. Sie dient zur Ermutigung - im dritten Anlauf soll es dann klappen. Außerdem sagt man manchmal „Aller guten Dinge sind drei“, wenn drei positive Sachen oder glückliche Zufälle gleichzeitig zusammentreffen. Aber wieso eigentlich ausgerechnet drei und nicht vier oder sieben?
Die Drei als kultische Zahl wurzelt sehr tief in der Überlieferung. Sie galt manchen Völkern als perfekte Zahl und taucht immer wieder in Mythen, Märchen, Bräuchen und auch Redewendungen auf. So dauern manche Sachen „ewig und drei Tage“, ab und zu kann man „drei Kreuze machen“, „dreimal darf man raten“ und es soll Leute geben, die „nicht bis drei zählen können“. Die Drei ist die kleinste Vielheit und die erste ungerade Primzahl. Ein Dreieck ist die einfachste geometrische Figur in der Ebene und es gibt drei Grundfarben, um nur einige Beispiele zu nennen. In der Zahlenmystik steht die Drei für Vollkommenheit.
Dies griff wahrscheinlich nicht nur das Christentum mit den Heiligen Drei Königen sowie seiner Dreifaltigkeitslehre aus Gottvater, dessen Sohn Jesus und dem Heiligen Geist auf, sondern auch das frühe Rechtswesen. Bei den alten Germanen war vor Gericht üblich, den Beklagten dreimal vorzuladen. Erschien er auch nicht zum dritten Termin, wurde er in Abwesenheit verurteilt. Mancherorts führte man zudem dreimal im Jahr Gerichtsverhandlungen durch. Das alte germanische Wort für diese Volks- und Gerichtsversammlungen lautete „Thing“. Es blieb nicht nur im Namen nordeuropäischer Parlamente, darunter das dänische „Folketing“, erhalten, sondern auch in der Redensart „jemanden dingfest machen“. „Thing“ bezeichnete neben der Versammlung selbst auch die dabei verhandelten (Rechts-)Sachen, woraus sich das deutsche „Ding“ und das englische „thing“ im Sinne von „Sache“ entwickelten. Und so sind heute eben aller guten Dinge drei.
Leider kann dieser Spruch nicht garantieren, dass beim dritten Versuch alles wie gewünscht funktioniert. Doch Petra hat Glück gehabt. Sie hält mittlerweile ihren Führerschein in der Hand. Nun stehen zwei Jahre Probezeit vor ihr. Und ab dem dritten Jahr wird alles gut.
Schrammses I.