Einfach mal richtig blaumachen
Darauf hatte sich Johannes nicht sonderlich gefreut: Sein Chef schickte ihn übers Wochenende auf Dienstreise in eine mährische Kleinstadt. Und weil die Rückfahrt für Montagvormittag geplant war, sollte er nachmittags wieder zur Arbeit erscheinen. „Pustekuchen“, dachte sich Johannes, „ich sage einfach, es war Stau auf der Autobahn, und mache am Montag komplett blau.“
Wer blaumacht, der bleibt ohne triftigen Grund irgendwo fern und fehlt unentschuldigt. Er schwänzt zum Beispiel die Schule oder geht einfach nicht zur Arbeit. Er kommt also seinen eigentlichen Verpflichtungen nicht nach, sondern treibt Müßiggang. Dafür gibt es sogar einen Fachbegriff: Absentismus. Worin aber der Bezugspunkt dieser Absenz (Abwesenheit) zur Farbe Blau besteht, darüber ist sich die Fachwelt uneins.
Eine Erklärung lautet, dass „blaumachen“ etwas mit dem „blauen Montag“ zu tun hatte. In vielen Betrieben war üblich, montags nur mit halber Kraft oder gar nicht zu arbeiten. Friseure, Gastronomen sowie Museen haben selbst in der Gegenwart häufig an Montagen geschlossen, um das arbeitsreiche Wochenende auszugleichen. Der „blaue“ Montag hat nichts damit zu tun, dass trinklustige Männer vom vorherigen Wochenende noch so betrunken waren, dass sie unfähig zum Arbeiten waren.
Vielmehr könnte dies auf die mittelalterliche Kleiderordnung zurückgehen, in der Handwerker wie Bauern graue Kleidung zu tragen hatten. Dieses Alltagsgrau kam nur nicht an Sonn- und Feiertagen zum Einsatz, denn dann trug man ein blaues Gewand. Wenn die Handwerker nun auch montags nicht arbeiteten und deshalb weiterhin die blaue Kleidung vom Sonntag anbehielten, konnten sie vom „blauen Montag“ sprechen. Oder die Herkunft beruht auf der alten Sitte, an Montagen in der Fastenzeit die Kirchen mit blauem oder violettem Tuch zu schmücken. Die Arbeitsfreiheit von Fastenmontagen wurde bald auf andere Montage des Jahres ausgedehnt. Und „Blauen Montag machen“ könnte sich wiederum weiterentwickelt haben zu „blaumachen“.
Eine andere Deutung weiß den Ursprung in der jiddischen Sprache. Dort lässt sich der Begriff „belo“ ins Deutsche als „ohne“ übersetzen. Aus dem Jiddischen fand er zunächst Eingang in die rotwelsche Sprache. Das Wort „lo“ bzw. „lau“ steht dort für „nichts“ oder „kostenlos“ (daher auch die deutsche Redensart „etwas für lau bekommen“). Die Steigerungsform lautet „welau“ (“überhaupt nichts“) und könnte sich zum Blaumachen im Sinne vom Nichtstun in der deutschen Umgangssprache weiterentwickelt haben.
Offenbar nicht mit der Sprachwissenschaft vereinbar ist die These, dass die Redensart auf das Färberwesen zurückgeht. Die Indigofärber vergoren die Blätter der Färberwaidpflanze in Kübeln mit menschlichem Urin. Um genug davon zu erhalten, musste man sich reichlich betrinken, was mit Arbeit ja bekanntermaßen nicht sonderlich viel gemein hat. Die gefärbten Stoffe trockneten später an der Luft, wobei erst dann die blaue Färbung durch Oxidierung entsteht. Jedenfalls hatten auch in dieser Phase die Blaufärber relativ wenig zu tun. Deshalb sei aus dem technischen Herstellungsprozess des Blaumachens ein umgangssprachlicher Ausdruck für das Nichtstun entstanden.
Johannes wäre sicher egal, warum es „blaumachen“ heißt. Er hat einfach nur seinen freien Nachmittag genossen. Hauptsache, sein Chef bekommt das nicht mit...
Schrammses I.
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