Sich eine Eselsbrücke bauen
Am übernächsten Wochenende ist es mal wieder so weit: Unzählige Menschen in Deutschland überlegen am letzten Oktobersonntag, was sie zum Ende der Sommerzeit nun mit ihrer Uhr machen sollen. Die Zeiger um eine Stunde nach vorn oder doch lieber zurückstellen? Aline muss nicht lange nachdenken. Sie merkt sich das damit, dass sie im Frühjahr ihre Gartenmöbel immer vor die Tür stellt und im Herbst wieder zurück. Und auch die Temperaturen sind Ende März auf dem Vormarsch, wohingegen sie im Oktober zurückgehen. „Prima, dass man sich solche Eselsbrücken bauen kann“, findet sie.
Wenn man sich oder jemandem eine Eselsbrücke baut, dann entwickelt man eine Gedächtnisstütze. Die Eselsbrücke ist eine Hilfe, sich über einen kleinen gedanklichen Umweg etwas einzuprägen, das sich schwer merken lässt. Häufig hat sie eine Spruch- oder Reimform. Mit diesem assoziativen Denkwerkzeug lassen sich Erinnerungsdefizite prima beheben. Der Begriff Eselsbrücke ist eine wörtliche Lehnübersetzung aus dem lateinischen „pons asinorum“.
Esel waren zwar als Arbeitstiere gut genug, galten im Volksmund aber als störrisch und dumm, so dass sich die Bezeichnung zu einem Schimpfwort entwickelte - zu Unrecht. Esel sind ähnlich gelehrig wie Pferde und eigenwillig verhalten sich auch längst nicht alle. Dafür sind sie sehr vorsichtige Tiere. Es ist sehr schwer, einen Esel dazu zu bringen, einen Fluss oder Bach zu durchqueren. Sein Instinkt signalisiert eine Gefahr, besonders, wenn er wegen der spiegelnden oder trüben Wasseroberfläche die Tiefe nicht einschätzen kann.
Um trotzdem ans andere Ufer zu kommen, musste man eine Brücke finden oder selbst eine bauen. Eine solche Eselsbrücke war daher ursprünglich ein kleiner Umweg, der aber trotzdem ans Ziel führte. Der römische Naturkundige Plinius der Ältere (23-79 n. Chr.) behauptete sogar, dass Esel eine Brücke nicht überqueren, sobald sie durch Löcher im Boden Wasser sehen können. Wohl auch deshalb bezeichnete man in der Wissenschaft zunächst jenen Punkt als Eselsbrücke, an dem eher dumme Köpfe nicht mehr weiterkommen. Damals galt die Eselsbrücke noch nicht als Hilfestellung zum Überqueren eines Hindernisses, sondern sie war selbst das Hindernis.
Im 19. Jahrhundert durchlief der Begriff einen Bedeutungswandel. Kommentierte Ausgaben lateinischer Klassiker waren in dieser Zeit die ersten sogenannten Eselsbrücken im heutigen Sinn. Allerdings wurden sie noch angefeindet, weil sie das Lernen sehr erleichterten. Heute ist das kein Grund mehr für Kritik - im Gegenteil: Eselsbrücken gelten als überaus nützlich. Nur jemand, der sich nicht mal eine Eselsbrücke merken kann, muss wirklich ein Esel sein.
Schrammses I.
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