Weil sich eine Lehrerkollegin kurzfristig krank gemeldet hatte, musste Isolde neulich vertretungsweise eine Deutsch-Stunde in einer achten Klasse halten. Doch offenbar mangelte es den Schülern an Respekt. Sie arbeiteten nicht mit, sondern redeten miteinander und warfen Papierkügelchen durch die Gegend. Als die 45 Minuten abgelaufen waren, ging Isolde entsprechend verärgert und enttäuscht in die Pause. Als sie ihre Kollegin wieder traf, sagte sie ihr: „In deiner Klasse geht es wirklich zu wie bei den Hottentotten!“
Diese Wendung soll Disziplin- und Zügellosigkeit ausdrücken, aber auch Chaos, Durcheinander und große Unordnung. In der deutschen Umgangssprache findet die Redensart seit rund 100 Jahren Verwendung. Kritiker mahnen angesichts ihres Ursprungs in der Kolonialzeit allerdings an, ihren Gebrauch einzustellen. Schließlich bediene sie rassistische Klischees und gehe auf eine abwertende Fremdbezeichnung für mehrere ethnische Gruppen im südlichen Afrika, darunter die Nama, zurück. Diese empfinden das Wort „Hottentotten“ als Diskriminierung und hören es überhaupt nicht gern - ähnlich wie „Zigeuner“ für Roma und „Lappen“ für Samen. Um sie zusammenzufassen, nutzt man deshalb heute ihre eigene Bezeichnung „Khoikhoi“ - übersetzt „wahre, eigentliche Menschen“.
Vermutlich waren es aus den Niederlanden stammende Kolonisten, die den Begriff „Hottentotten“ im 17. Jahrhundert
prägten. Einer Theorie zufolge ist er das Ergebnis eines unbeholfenen Versuchs, die typischen Schnalz- und Klicklaute der von den so bezeichneten Völkern verwendeten Khoisan-Sprachen lautmalerisch nachzuahmen. Diskutiert wurde auch, dass die Afrikaans sprechenden Buren („Kapholländer“) diese Laute dann als Stottern empfanden und aus ihrem eigenen Wort für „Stotterer“ den Sammelbegriff „Hottentot“ bildeten. Ein dritter Herleitungsversuch bezieht sich auf eine frühe Reisebeschreibung niederländischer Seefahrer. Darin taucht ein für europäische Ohren wie „Hautitou“ klingendes Wort auf, mit dem die Einheimischen die Neuankömmlinge begrüßt haben sollen.
Auch die deutschen Siedler übernahmen die Bezeichnung „Hottentotten“, als sie Ende des 19. Jahrhunderts Deutsch-Südwestafrika kolonialisierten, das heutige Namibia. Passend zum damaligen Zeitgeist, versahen sie die „Neger“ mit allerlei negativen Eigenschaften und warfen ihnen vor, faul, unzuverlässig und unordentlich zu sein. Das Vorurteil vom vermeintlich unsittlichen, wilden Afrikaner verdichtete sich so zu den sprichwörtlichen Zuständen wie bei den Hottentotten. Außerdem übertrug sich das Wort auf Menschen mit einem angeblichen Mangel an intellektuellen Fähigkeiten. Nebenher bildeten sich Begriffe wie „Hottentottenmusik“ heraus.
Mag sein, dass Isolde so auch den Hip-Hop benennen würde, den ein Schüler während ihres Unterrichts heimlich auf seinem MP3-Player abspielte.
Schrammses I.