Stell dein Licht nicht unter den Scheffel!
Ein fleißiger Mann ist er, dieser Lutz. Und innovativ noch dazu. Beim Überwachen einer Produktionsmaschine fiel ihm eine Verbesserungsmöglichkeit für den Herstellungsprozess ein, über die er sich mit drei Mitarbeitern beriet. „Ein Kollege hat die Idee dann in der ganzen Firma herumposaunt, als sei es seine gewesen. So eine Angeberei ist mir völlig fremd“, ärgert sich Lutz. Seine Frau antwortet: „Du darfst aber auch nicht immer dein Licht unter den Scheffel stellen!“
Dieser Rat bedeutet, dass man sich nicht unter Wert verkaufen und keine falsche Bescheidenheit an den Tag legen soll. Man darf ruhig auch mal zeigen, was man kann. Was Licht ist, dürfte dabei jedem klar sein. Doch was ist eigentlich ein Scheffel? Antwort: Ein deutsches Hohlmaß für Schüttgut wie Getreide. Es hatte ungefähr Fassgröße, war aber in Zeiten der Kleinstaaterei von Land zu Land sehr unterschiedlich: In Preußen entsprach es rund 55 Litern, in Sachsen etwa 104 Litern. In Bayern betrug ein Scheffel satte 222 Liter. Mit der Einführung des metrischen Systems im Deutschen Kaiserreich kam für den Scheffel im Jahre 1872 das Aus. Aber wie gelangte der Scheffel in die Redensart?
Der Ursprung dieser Wendung liegt in der Bibel. Jesus sagt bei seiner Bergpredigt im Matthäus-Evangelium: „Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind. So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ Ähnliche Passagen sind auch im Markus- und Lukas-Evangelium zu finden. Mit diesem Gleichnis - das Licht steht im übertragenen Sinn für das Wissen - wollte Jesus seine Zuhörer dazu bewegen, seine Botschaft weiterzugeben und das Wissen nicht verborgen zu halten. Als Luther im 16. Jahrhundert die Bibel ins Deutsche übersetzte, legte er großen Wert auf gute Verständlichkeit. So war nur logisch, dass er antike Maße durch zeitgemäße Einheiten ersetzte, zu denen auch der Scheffel gehörte.
Hoffentlich nimmt sich Lutz den Rat seiner Frau zu Herzen. Wenn ihm mal wieder „ein Licht aufgeht“, dann kann er dies als sein Verdienst verkaufen. Und wer weiß, vielleicht gibt es dafür ja sogar mal eine Beförderung und er kann dann mehr Geld „scheffeln“...
Schrammses I.
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