Das läuft ja wie am Schnürchen!
Wahnsinn, was sich so über die Jahre auf dem Dachboden von Gabi und Rüdiger angesammelt hat: alte Klamotten, ausrangiertes Geschirr, der halbe Nachlass von der Großmutter, ein verstaubtes Briefmarkenalbum aus dem Dritten Reich, eine urige Schmuckschatulle samt Inhalt... Einige Sachen waren viel zu schade zum Wegwerfen. Die Lösung: ein eigener Stand auf dem Flohmarkt. Dort fand die Ware teils reißenden Absatz. „Das läuft ja wie am Schnürchen“, freut sich Gabi.
Die Redensart kommt dann zur Anwendung, wenn etwas gut, schnell und glatt vonstatten geht. Läuft etwas wie am Schnürchen, dann klappt es reibungslos, funktioniert nach Plan und ohne Komplikationen. Die Redensart bezieht sich auf eine Schnur im Sinne einer fortlaufenden Leitlinie. Schon in der antiken Sage fand Theseus mit Hilfe des Ariadne-Fadens aus dem Labyrinth heraus. Diese Vorstellung übertrug sich auf das folgerichtige Denken. Noch heute hat man eine „Leitschnur“, nach der man handelt. Doch auf welches konkrete Schnürchen geht diese Redensart zurück?
Einer ersten Herleitung zufolge findet sich ihr Ursprung im mittelalterlichen Verkehrswesen. Damals reiste man noch mit der Kutsche und zwischen Kutschbock und Fahrgastkabine verlief eine Schnur, die am Arm des Kutschers festgebunden war. Zog der Fahrgast daran, so konnte er damit die Reisegeschwindigkeit regeln und signalisieren, ob das Gefährt schneller oder langsamer fahren soll. Sozusagen war das der Vorläufer der in modernen Autos eingebauten Tempomaten. Verlief die Reise nach den Wünschen des Fahrgastes, dann lief sie eben gewissermaßen wie am Schnürchen.
Naheliegend ist auch ein Bezug zu Hampelmännern oder den Puppen im Marionettentheater, die an Schnüren hängen und durch Ziehen bedient werden. Ihre Bewegungen entsprechen 1:1 dem Willen des Puppenspielers, der in diesem Fall als „Strippenzieher“ bzw. „Drahtzieher“ fungiert. Ebenfalls nicht abwegig ist die Theorie eines Zusammenhangs mit dem Rosenkranz. Dabei handelt es sich um eine Zähl- und Gebetskette, die von katholischen Christen für das Rosenkranzgebet verwendet wird. An dieser Schnur sind Perlen aufgereiht, die beim Gebet der Reihe nach durch die Finger gleiten. In einigen Varianten der Redensart kommt der Rosenkranz sogar explizit vor, so zum Beispiel in Köln, wo man sagt: „Dat muss immer vörangohn wie de Schnur am Rusekranz.“
In einer vierten Version heißt es, die Redensart stamme vom Spinnen der Wolle ab, dessen Zweck ja ist, aus Fasern einen Faden herzustellen. Funktionierte die Produktion tadellos, dann lief es wie am Schnürchen. Eine weitere Erklärung sieht den Ursprung sogar im Bergbau und bei alten Waffen. Gemeint ist dort das Zündschnürchen zum Auslösen von Sprengladungen oder Schüssen. Brannte die Schnur ohne Unterbrechung durch, dann lief auch dort alles wie am Schnürchen.
Am Abend gingen Gabi und Rüdiger zufrieden mit 230 Euro schnurstracks nach Hause. Aber auch bei 100 Euro weniger wäre ihnen nicht die Hutschnur hochgegangen.
Schrammses I.
|