Nicht mehr alle Tassen im Schrank
Till ist ein frecher Bursche. Während sein großer Bruder Louis fleißig eine Schüssel Kartoffeln zum Essenstisch trägt, hat er nichts besseres zu tun, als hinter der Tür zu lauern und ihn zu erschrecken. Louis lässt deshalb natürlich vor Schreck die Schüssel fallen und schreit: „Du hast doch wohl nicht alle Tassen im Schrank!“
Mit dieser umgangssprachlichen, herablassenden Bemerkung möchte man die Kompetenz und geistige Gesundheit des Gegenübers bestreiten oder zumindest anzweifeln. Hat jemand redensartlich nicht mehr alle Tassen im Schrank, dann ist er verrückt, verhält sich ungewöhnlich oder dumm und sagt oder tut idiotische Dinge. Woher die Redensart kommt, ist unklar. Es ist nicht mal sicher, ob sie etwas mit dem Trinkgeschirr zu tun hat. Nach einer verbreiteten Herleitung geht das Wort Tasse in diesem Zusammenhang auf „toshia“ zurück, was in der jiddischen Sprache für „Verstand“ steht. Dafür spricht, dass auch andere „Tasse“-Redensarten etwas mit Gemüt und Verstand zu tun haben, darunter die „trübe Tasse“, ein langsamer, begriffsstutziger Mensch.
Eine andere Erklärung lautet schlicht, dass man nicht alle für ein vernünftiges Denken und Handeln wichtigen Dinge bei sich hat. Der Schrank ist hier bildlich der Kopf, die Tassen das nötige Zubehör in Form von den Gehirnzellen oder den fünf Sinnen, also Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Schließlich kann man redensartlich auch „seine Sinne nicht mehr beisammen haben“. Und es gibt noch eine Menge ähnlicher Redensarten mit Wörtern für den Kopf, darunter „Du hast einen an der Murmel/an der Waffel!“ Manche wurden auch „mit dem Klammerbeutel gepudert“ oder haben „ein Rad ab“, „eine Schraube locker“ oder „einen Knick in der Optik“.
Die Schriftstellerin Christa Reinig (1926-2008) überlieferte in einer Ausgabe des Literaturjahrbuchs „Tintenfisch“ von 1971 noch eine dritte Variante. Derzufolge entstand die Redensart spontan in ihrer Anwesenheit in einer Berliner Wohnküche während des Zweiten Weltkriegs. Eine Klassenkameradin von Reinig, die wie sie Lehrling der Reichsnährstandskammer war, räumte gerade Geschirr ein. Dabei war ein Streit im Gange, bei dem sich die jungen Frauen gegenseitig mit Worten zu übertrumpfen versuchten. Eine dritte Mitschülerin habe schließlich beim Anblick des Geschirrs gerufen: „Du hast ja nicht alle Tassen im Schrank!“
Als Abwandlung dieser Redensart entstanden noch zahlreiche Sprüche nach dem gleichen Muster, darunter „nicht mehr alle...“: „Nadeln an der Tanne“, „Latten am Zaun“, „Kekse in der Dose“, „Kerzen am Kronenleuchter“, „Steine auf der Schleuder“ sowie „Antennen am Sender“, um nur einige zu nennen. Dies alles trifft auf Louis nicht zu. Er hatte nach der Aktion dafür einen „Sprung in der Schüssel“.
Schrammses I.
Geändert von Stefan Schramm (10.10.2011 um 10:43 Uhr)
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