So hatte sich Reinhard den ersten Arbeitstag nach seinem Urlaub nicht vorgestellt: Sein etwas jähzorniger Chef war mal wieder schlecht gelaunt und schimpfte vor sich hin. Ausgerechnet in dem Moment tauchte Reinhard in dessen Büro auf und sagte ihm, dass er sein Arbeitsziel an diesem Tag nicht einhalten kann, weil sich auf seinem Schreibtisch einige Dinge angesammelt haben. „Das ist mir egal“, fauchte ihn der Chef an. „Wenn Sie mir bis 18 Uhr keinen Vollzug melden, dann ist Polen offen!“ Reinhards bevorstehende Versetzung war damit sicher nicht gemeint, denn eine polnische Filiale hat das Unternehmen nicht. Was dann?
Diese Redensart ist heute meist als Drohung in Gebrauch. Jemandem wird dabei nahegelegt, etwas zu tun, sonst könne das schlimme Folgen haben. Zumindest aber bedeutet „Polen ist offen“, dass irgendwo große Aufregung herrscht und eine Situation außer Kontrolle gerät. Sozusagen „brennt dort die Luft“ und es kann alles Mögliche passieren.
Der Ursprung dieser Wendung hängt wahrscheinlich mit der sehr wechselvollen Geschichte unseres östlichen Nachbarlandes zusammen. Polen war im 15. und 16. Jahrhundert eine der führenden Mächte in Europa, erlebte aber im 17. und 18. Jahrhundert eine dauerhafte Krise. Kriege, Reformstau und innere Unruhen
prägten das Land. Ausländische Fürsten, unter ihnen August der Starke, gelangten auf den polnischen Thron. Immer mehr entwickelte sich das einst stolze Reich zum Spielball der Nachbarstaaten. Polen verschwand 1795 sogar völlig von der politischen Landkarte. Preußen, Österreich und Russland hatten seine Schwäche längst erkannt, es gemeinsam überfallen und unter sich aufgeteilt. In dieser Zeit war Polen also ein relativ unsicheres Gebilde und sehr „offen“ für Eingriffe von außen.
In Schlesien kannte man die Redensart: „Da ist Polen offen und Frankreich zu!“ Unser südwestlicher Nachbar Frankreich war mit seiner starken Zentralmacht das genaue Gegenteil Polens. Ein anderes Nachbarland spielt in einer ähnlichen Wendung eine Rolle: „Dann ist Holland in Not!“ Auch dies ist kein Überbleibsel eines Naziwitzes, sondern eine alte Redensart, die für große Bedrängnis steht. Vermutlich rührt sie her von der geographischen Lage der Niederlande und den damit verbundenen Flutkatastrophen.
Schrammses I.