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Alt 22.03.2007, 14:01
Matthias Roth Matthias Roth ist offline
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Standard Deutsches Schulsystem

Wie konnte es Vernor Muñoz nur wagen. Der UN-Inspektor und Menschenrechtsbeauftragte bekräftigte gestern seine Kritik an der mehrgliedrigen deutschen Bildungsstruktur mit Haupt-, Real-, Sonderschulen und Gymnasien. Die international „untypische“ frühe Aufteilung zehnjähriger Kinder diskriminiere „de facto“ arme, ausländische und behinderte Schüler, sagte Muñoz bei der Vorstellung des Berichts in Genf. Und verusachte einen Schwall der Entrüstung. Jürgen Zöller, Präsident der Kultusministerkonferenz, hielt dagegen, entscheidend sei nicht die Diskussion über Schulformen, sondern Konzentration auf die Bedürfnisse der Schüler.

Sachsen Kultusminister Steffen Flath (CDU) bezeichnete das zweigliedrige Schulsystem aus Mittelschule und Gymnasium im Freistaat als „Modell für Deutschland“. Der schulpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Martin Dulig, hielt ihm entgegen, dass Kinder aus ungünstigen sozialen Verhältnissen drei Mal schlechtere Chancen auf ein Abitur hätten. Und bestätigte damit Munoz. Ähnliche Schlussfolgerungen trafen die Pisa-Tests. Der Philologenverband nannte Munoz Aussagen „dünnen kalten Kaffee“. Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes hält den UN-Inspektor für „auf einem Auge blind“. Er hält ihn sogar, für einen „Teil des internationalen Gesamtschulkartells“. Es sei unmöglich, dass sich ein Mann in einer Woche einen Eindruck über 42 000 Bildungsstätten machen könne. Immerhin habe eine andere Studie ergeben, dass 85 Prozent der 1,5 Millionen Hauptschüler fünf Jahre nach Schulabschluss in Lohn und Brot seien, so Kraus.

Sachsens Lehrerverbandschefin Ingrid Schwaar gibt Kraus recht, differenziert aber. „Schule ist nicht wegen des gegliederten Systems mangelhaft, sondern wegen unbefriedigender Förderung“, erklärt sie und findet: „Munoz spricht zurecht einige Punkte an.“ So nähmen Kinder die Bildungsempfehlung für das Gymnasium mitunter nicht an, weil die Eltern es nicht wollen, oder es sich nicht leisten können.
Anja Ziegon, Vorsitzende des Bundeselternrates, gibt Munoz recht: „Viele Kinder werden in der Schule allein gelassen.“ Die meisten Einrichtungen seien nicht darauf eingestellt, Stärken zu fördern und bei der Behebung von Schwächen zu unterstützen. „Leider gibt es nur eine Schulpflicht. Es müsste ein Schulrecht geben“, erklärt sie. Bisher richtet sich der Unterricht nach dem Mittelmaß in der Klasse. Ziegon: „Alle die drunter oder drüber liegen, haben Pech.“ Allerdings warnt sie, den Lehrern die Schuld zu geben. Sie seien zwar überfordert, auf Schüler individuell einzugehen. Aber sie seien als Einzelkämpfer vor einer Klasse Opfer eines Systems, das Förderung kaum vorsieht. „Dabei ist die Struktur egal. Das müsste auch in der Hauptschule machbar sein.“

Ziegon warnt davor, den Bildungsboom zu verschlafen, der anderswo längst im Gange ist. Wenn die deutsche Schule so gerecht sei, warum hätten dann Privatschulen solchen Zulauf. „Und warum boomt der Nachhilfemarkt?“, fragt sie. Pro Jahr investieren Eltern ins außerschulische Nachsitzen etwa eine Milliarde Euro.

Andreas Friedrich
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