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Alt 01.02.2007, 19:58
anawak anawak ist offline
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Standard AW: Keine UNESCO-Diktatur im Elbtal!

Das Dir 20.000 Fahrzeuge (DTV) mehr oder weniger nichts ausmachen, mag ja sein. Trotzdem bedeuten 20.000 Fahrzeuge eine erhebliche Belastung bezüglich gesundheitlich relevanten Größen wie Feinstaub, Lärm etc. und dies ganz unmittelbar. Das es stärker befahrene Brücken gibt, als die WSB, ist dabei völlig unerheblich. Der zusätzliche Verkehr entsteht durch den Bau der Brücke und entstünde nicht ohne Sie. Das ist kein Werturteil sondern ein Fakt. Wenn Menschen Ihre Wohngebiete vor Lärm und Schadstoffen schützen wollen, weil sie die nachgewiesenen gesundheitlichen Schäden (daraus folgende nachgewiesene volkswirtschaftliche Einbußen) nicht akzeptieren wollen, dann ging dem ein schlichter Erkenntnisprozess voraus. Manche Leute sind von solchen Nachteilen ganz persönlich betroffen und haben keine Lust sich u. a. von Randdresdnern mit Häuschen im „Grünen“ bzw. von selbigen verursachten Durchgangsverkehren ihre Wohnqualität kaputt machen zu lassen, sofern sie noch welche haben. Wenn Du also denkst, dies sind alles grüne werturteilsgeladene Spinner oder Öko-Faschisten (um mich mal Deiner unmöglichen Terminologie zu bedienen), dann unterliegst Du schlicht einem Fehlschluss, welcher sich wiederum aus Deiner Ideologie speist und Deiner ungenügenden Auseinandersetzung mit dem hochkomplexen Gegenstand Mobilität.

Vorliegende Diskussion ist in der Hauptsache eine fachliche Diskussion. Nun ist absolute Werturteilsfreiheit eine Illusion. Insofern gebe ich Dir recht. Eine Diskussion über Verkehrspolitik ist im Grunde nie ideologiefrei. Deshalb liegt Deinem Ja keine ausschließlich rationale Abwägung der Sachlage zugrunde. Ich will mal ein paar wenige Punkte der Diskussion herauspicken und kurz anreißen, welche in erster Linie Fakten sind. Natürlich wirst Du sofort die Ideologiekeule schwingen, welche – neben der in Dresden modern gewordenen Demokratiekeule – jedem Kritiker dieser Planung um die Ohren gehauen wird.

Die WSB soll eklatante Verkehrsprobleme der Stadt Dresden lösen helfen und Stadtteile verbinden.

Dresden hat objektiv weder eklatante noch besonders schwerwiegende Verkehrsprobleme und belegt im Städtevergleich ob seiner Verkehrsflüssigkeit oberste Plätze.
Das subjektive Empfinden der Verkehrsteilnehmer ist allerdings ein anderes, darf aber keine Kategorie der Verkehrsplanung sein, zumal sich auch nach Fertigstellung der WSB an diesem subjektiven Grundgefühl (ständig Stau) nichts ändern wird und kann. Das ist kein Werturteil, sondern ein verkehrssoziologischer bzw. verkehrspsychologischer Fakt. Die Stadt mit dem höchsten durchschnittlichen Stauaufkommen in den USA ist L. A. Gleichzeitig ist diese Stadt auch diejenige mit der größten verfügbaren Verkehrsfläche für den MIV. Der extensive Ausbau der Straßen hat noch nirgendwo auf der Welt zu weniger, sondern zu mehr Verkehrsstau geführt. Catania (Sizilien) hat 305.430 EW und alltägliche Staus der Ein- bzw. Auspendler zu verzeichnen. Man strebt ins Umland. Es wurde zu diesem Zweck eine Entlastungsautobahn gebaut, mit dem Ergebnis, dass sich nach kurzer Zeit auch diese Strecke innerhalb der Spitzenstunden zur Staufalle entwickelte. Das Gesetz der Verkehrsinduktion ist kein Werturteil oder Ideologie, sondern verkehrswissenschaftliches Gemeingut. Unzählige Male untersucht und bestätigt. Sogar in DD ist dahingehend geforscht worden – mit o. g. Ergebnis. Ideologie?

Die Verbindungsfunktion, welche eine Stadtbrücke für alle Verkehrsteilnehmer haben sollte (auch Fußgänger, Radfahrer, Mobilitätsbehinderte etc.) erfüllt die WSB nicht! Die Anbindungen, vor allem auf der Nordseite, sind nicht praktikabel und die Strecken sehr lang. Objektiv kein Problem für den MIV, aber durchaus für die anderen Verkehrsarten (s. o.). Dies ist ebenfalls kein Werturteil sondern moderne Planungstheorie und zum Glück in manchen Kommunen schon gängige Planungspraxis. Da hilft ein Blick in die einschlägige Literatur. Das Ergebnis des Mediationsverfahrens unterstreicht dies übrigens noch mal. Sind die Mediatoren alles werturteilsgeladene Ideologen?

Die WSB wird dringend gebraucht um die anderen Brücken zu entlasten.

Du scheinst ja im Hier und Jetzt zu leben und prognostischem an sich skeptisch gegenüber zu stehen. Lassen wir also mal die Prognosen für die Zukunft, Ressourcenprobleme, demografische Faktoren, stagnierende Einkommen trotz Wirtschaftswachstum, Klimaprobleme bzw. deren Folgekosten und zukünftige Bemautung des Pkw-Verkehrs außen vor. Selbst wenn man alle die o. g. Dinge im Bezug auf die WSB-Diskussion (unzulässigerweise) vernachlässigt, bleiben noch die offiziellen und aktuellen Zahlen der Jetztzeit. Die besagen, dass die Brückenquerungen heute schon auf einem niedrigeren Niveau sind, als Sie mit Brücke prognostiziert wurden. Das ist kein Werturteil sondern Ergebnis von Verkehrszählungen und somit Faktum. Hinzu kommt noch, dass diese Zahlen offiziell erhoben worden sind und nicht im Auftrag ideologischer Brückengegner. Eher im Gegenteil.

Die WSB ist als Alternative zum Blauen Wunder dringend notwendig.

Auch hier helfen Werturteile und Glaubenssätze wenig. Fakt ist, dass die Entlastungswirkung einer WSB von ca. 9 % untauglich ist, die Probleme im Osten der Stadt zu lösen, welche zugegeben am Schillerplatz zu bestimmten Tageszeiten beobachtbar sind. 9 % weniger DTV machen sich (fachlich nachgewiesen) weder bezogen auf Lärmminderung, noch bezogen auf Schadstoffminderung, noch im durchschnittlichen Zeitbudget des Verkehrsablaufs bemerkbar. Rechnerisch allerdings schon. Hinzu kommt die bleibende Belastung des Schillerplatzes und seiner Zufahrten. Manche gehen sogar von steigender Belastung durch die WSB aus. Querungswillige aus den östlichen Stadtteilen werden also in der Mehrzahl weiterhin das BW benutzen, weil der Widerstand des BW (z. B. durch Stau) zu gering ist, um bis zur WSB weiterzufahren. Eine sinnvollere Entlastung des BW ist weiter im Osten möglich. Die Vorplanungen mit Entlastungs- u. Verlagerungsszenarien liegen in drei Varianten (u. a. EIBS) seit Jahren vor. Diese Planungen sind auch nicht den Werturteilen grüner Ideologen entsprungen, sondern stammen von dafür beauftragten Verkehrsplanern. Wird die WSB gebaut, rückt die Lösung der Probleme am BW in weite Ferne, zumal die finanziellen Mittel trotz Woba-Verkauf knapp bemessen bleiben werden. Nebenbei bemerkt sah das Verkehrskonzept von 1994 den Bau mehrerer Brücken vor, wobei die Marienbrücke als wichtigste Querungsstelle der Stadt, durch die 3. Marienbrücke entlastet werden sollte. Als nächstes sollte der Dresdner Osten eine Lösung bekommen und erst in dritter Priorität über eine Querung am Waldschlösschen nachgedacht werden. Hätten wir die westliche und östliche Lösung schon, würde niemand mehr über eine Lösung am Waldschlösschen nachdenken. Vor allem der Schommer-Lüge verdankt die Stadt Dresden Ihre bisherige Brückenstagnation.

Die WSB ist aus wirtschaftlicher Sicht dringend notwendig und schafft Arbeitsplätze.

Die Sache mit den Arbeitsplätzen wurde von Jan Mücke auf einer Veranstaltung im Februar 2005 selbst relativiert, wenn er davon sprach, dass der Bau diesbezüglich keine nennenswerten Effekte in der Region bringt. 160 Mio. € Steuergeld und 1 – 2 Mio. € jährliche Folgekosten stehen im krassen Missverhältnis zum Nutzen dieser Querung. Keiner der Befürworter hat bisher auch nur den Versuch unternommen, eine gültige Kosten-Nutzen-Analyse vorzulegen. Zudem ist auch generell der Zusammenhang von Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur und Wirtschaftswachstum nicht belegt worden. Der „Feldversuch“ Ostdeutschland spricht sogar dagegen, weil inzwischen andere Faktoren für das Investitionsklima entscheidender sind. Die vorhandene Verkehrsinfrastruktur verhinderte bisher keine Investitionen in Dresden und tut dies auch zukünftig nicht. Kein Werturteil sondern Faktum. Jedenfalls bis zum Beweis des Gegenteils. Investoren aus dem In- und Ausland, zumindest Ihre Führungskräfte, schätzen Lebensqualität und kulturelle Vielfalt. Solche weichen Faktoren können bei der Standortwahl entscheidend sein. Im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Hochschule Zittau/Görlitz wurde vor Jahren zu diesem Thema geforscht. Jedenfalls schätzen jene Leute nicht (mehr) die Qualitäten einer autogerechten Stadt.

Wir brauchen keinen Welterbestatus.

Die Diskussion um das Welterbe ist in meinen Augen tatsächlich eine Randdiskussion, weil hier lediglich „weiche“ Faktoren gegen diese Planung zum tragen kommen. Dennoch geht es auch hier nicht um subjektive Werturteile und persönliche Vorlieben oder ästhetische Beliebigkeiten, sondern um fachlich fundierte Dinge. Denkmalschützer, Kunst- u. sonstige Historiker sind ebenso Fachleute wie der Statikingenieur oder der Agrarwirtschaftler. Nur auf anderem Gebiet. Sicher hat MüllerMeierSchulze so seine ästhetischen Empfindungen und demnach Urteile. Diese korrelieren allerdings immer mit der jeweiligen Ausbildung bzw. Bildung an sich. Den Wert einer Sache bemessen dennoch diejenigen, die entsprechende Qualifikationen erworben haben. Im Falle von Kunst und Kultur sind das immer Minderheiten und nicht die berühmt-berüchtigte Volksseele (diesem Umstand verdankt Dresden u. a. seinen Weltruf). Der Wert einer Welterbestätte bestimmt sich demnach eben gerade nicht ökonomisch und richtet sich nicht nach dem Benehmen der Mehrheit. Hier liegt das größte Missverständnis bezügl. des Welterbes. Wenn z. B. der Handwerker Eberhard Rink (FDP) die Verleihung des Welterbetitels erst betreibt, weil er sich Image und wirtschaftliche Vorteile für die Stadt verspricht, aber sofort einknickt und sich verwundert die Augen reibt, wenn der Welterbestatus „Schwierigkeiten“ macht und Verpflichtungen mit sich bringt, dann zeigt sich, wie wenig ausgeprägt die intellektuelle Sensibilität gegenüber allen Dingen ist, die sich nicht unmittelbar ökonomisieren lassen. Henke war einer der wenigen Brückenleute in der CDU, der das verstanden hat und von der Beantragung des Titels abgeraten hatte. Das war wenigstens ehrliches Hinterwäldlertum. Die anderen Banausen verstecken sich ja inzwischen nur noch hinter juristischen Formalitäten bzw. bemerkenswertem Demokratiegehabe. Sollen Sie mal! Fakt bleibt, dass es von Beginn an nie um Demokratie ging. Dennoch bleibt richtig, dass Demokratie keine Veranstaltung zur Sicherung von Fehlentscheidungen der politischen Klasse sein sollte, es aber augenscheinlich ist. (Die letzten vier Sätze entspringen allerdings tatsächlich lediglich meinem wertenden Urteil).


Abschließend: Es stimmt, Wissen muss verarbeitet, interpretiert und aufbereitet werden. Dem geht allerdings trotzdem zunächst eine Sammlung desselben voraus. Je mehr zunächst gesammelt wird, desto größer der Überblick, je größer die Fähigkeit jene Zusammenhänge zu sehen, welche auf den ersten, zweiten oder dritten Blick noch nicht zu sehen waren.



... so und jetzt freue ich mich aber zur Abwechslung mal. Und zwar darüber, dass Deutschland gerade eben ins Finale der Handball-WM eingezogen ist ... Gratulation!!!
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